Obernkirchen
Neue Wege in der Jugendarbeit: 60 Teilnehmer suchen nach Lösungen Obernkirchen (rnk). Gemeinsam neue Wege für die Kinder-, Jugend- und Familienarbeit zu finden, den veränderten Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen Rechnung zu tragen, sich auf neue Lebensbedingungen wie einen erhöhten schulischen Druck einzustellen: Das möchte das Forum „Neue Wege“. 60 Teilnehmer folgten dem Aufruf der Stadt. Angelegt ist das Projekt „Neue Wege“ auf längere Sicht, nach mehreren Gruppentreffen in diesem Jahr soll im Herbst eine gemeinsame Zukunftswerkstatt angeboten werden.

Jugendarbeit heute, das erschließt, bündelt und erweitert soziale Ressourcen. Doch wie kann dieses Wissen in der Praxis umgesetzt werden? Drei Arbeitsgruppen suchen jetzt nach Lösungen. Foto: rnk
Professor Lutz Finkeldey von der HAWK-Fachhochschule Hildesheim hatte in einem Referat zuvor den Wandel, die Widersprüche und die Folgen einer sich verändernden Jugend dargelegt. Finkeldey forderte ein „Verstehen und Übersetzen“ durch diejenigen, die professionell oder ehrenamtlich mit den Jugendlichen arbeiten: Um Jugendliche zu verstehen und in ihrem Prozess der schwierigen Sozialisationsinstanzen in ihrer Entwicklung von Persönlichkeit, Bildung und Ausbildung zu unterstützen, müssten verschiedene Blickwinkel eingenommen werden, zudem müsse eine enge Vernetzung von Kommunikation und Hilfestellung erreicht werden. Die meisten jungen Menschen, so Finkeldey, die heute an der Schwelle zum Erwerbsleben stünden, würden in mehreren Berufen arbeiten müssen – „wenn sie es denn überhaupt aufgrund der desolate Arbeitsmarktlage dürfen.“ Dabei könne es durchaus sein, dass ein „latenter bis völliger Funktionsverlust“ von tradierten, also überlieferten Werten eintreten könne, da sie weder die Alltagswelten vieler Jugendlicher noch die der Erwachsenen erreichen würden. Neue Kommunikationsmedien wie SMS, Twitter, Youtube oder SchülerVZ würden zudem Interaktion und Kommunikation ein anderes Gesicht geben. Auch wenn Leistung heute keine Garantie mehr für den beruflichen Erfolg sei, so sei sie nach wie vor sehr hilfreich als Einstiegskriterium: „Die Bildungsexplosion mag mehr Bildungschancen eröffnet haben, aber sie hat deshalb nicht mehr Bildungsgerechtigkeit gebracht.“
Für die sozial Tätigen würde dies bedeuten, dass sie „feine Unterschiede“ kennen müssten und realistisch Kenntnisse der Persönlichkeit haben müssten. Vielfach seien heute benachteiligte Jugendliche kaum mehr mit klassischen schulischen und sozialpädagogischen Angeboten zu erreichen. Finkeldey: „Es gibt immer mehr Jugendliche, die die Hoffnung auf eine Erwerbskarriere schon aufgegeben haben, Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe haben es mit einer Klientelerweiterung zu tun, für die die bisherigen Ansätze kaum mehr hinreichend sind.“ Dabei liege die Schuld nicht bei den Jugendlichen: „Einen gehörigen Teil dessen, was den auch von Fachleuten als benachteiligt etikettierten Jugendlichen als Defizit angerechnet wird, liegt nicht in der Person begründet, sondern ist der Arbeitsmarktsituation geschuldet.“ Jugendarbeit ist für Finkeldey ein perspektivischer Ansatz, der soziale Ressourcen erschließe, bündele und erweitere.
Nach dem Vortrag wurde eine Diskussion angeregt, in der diskutiert wurde, was passieren würde, wenn man nun nichts ändere. In mehreren Gruppen wurden anschließend nacheinander Probleme aufgedeckt und Lösungen dafür entwickelt.
Ein zentrales Problem sei das eingeschränkte Zeitkontingent der Kinder und Jugendlichen durch den zunehmenden Druck in der Schule, was die Gruppenmitglieder als das gravierendste Problem betrachteten. Als Lösungsansatz wurde zum einen vorgeschlagen, in einer Einrichtung verschiedene Angebote und Hilfestellungen mit besserem Zeitmanagement zu bündeln, aber Protest bei dem Versuch, zusätzlich Vereine in die Schule zu integrieren und umgekehrt, die Schule in die Vereine zu integrieren, wurden nicht ausgeschlossen.
Ein weiteres Problem: Sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche werden nur schwer erreicht. Als mögliche Lösungsansätze wurde eine Zusammenarbeit mit Kinder- und Jugendgruppen angedacht, Familienangebote könnten ebenso verstärkt werden wie die Einbindung der Eltern.
Ein weiteres Problem stellt der Nachwuchs dar: Es gibt zu wenig. In den Gruppen und Vereinen fehlen Jugendliche. Als mögliche tragfähige Lösungsansätze wurden Angebote von Arbeitsgruppen in den Schulen sowie Werbung über Internet und mit Flyern erarbeitet, auch die Ideen der Jugendlichen sollten genutzt werden. Stichwort: Das Ohr am Puls der Zeit.
Das mangelnde Interesse der Jugendlichen an den vorhandenen Angeboten, vielfach beklagt, könnte durch eine Kooperation mit Schulen, etwa durch eine Zusammenlegung von Angeboten im Nachmittagsbereich, verstärkt werden.
Wie geht es weiter? Es wurden insgesamt drei Arbeitsgruppen gebildet: Eine Gruppe befasst sich mit dem Problem des mangelnden Nachwuchses an Jugendlichen in den Vereinen, die zweite sucht nach neuen Kommunikationswegen und Gruppe drei befasst sich mit der Frage, wo Jugendliche unter dem wachsenden Druck der Schule noch Zeit für andere Angebote haben. Zugleich soll der Frage nachgegangen werden, wie sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche künftig erreicht werden können.
Alle Gruppen verstehen sich als offene Gruppen, weitere Interessierte können jederzeit mitmachen.