Obernkirchen

Mit dem Fahrstuhl in die Dinosaurier-Zeit
Von Frank Westermann
Langenfeld. Hat heute jemand Geburtstag? Nein? Gestern? Auch nicht? Und vorgestern? Das würde Hartmut Brepohl auch noch gelten lassen. Dann dürfte das Geburtstagskind hier Platz nehmen: Im Hartmut-Sessel, einer Aushöhlung in Stein. Dort hat sich Brepohl niedergelassen, als er 1992 das erste Mal durch die von ihm entdeckte Höhle kroch. Wer hier heute Platz nimmt, bekommt ein Geburtstagsständchen. „Happy Birthday“ hat Brepohl seit 2004, seit der Öffnung der Schillat-Höhle, schon 73 Mal angestimmt, einmal für eine 88-jährige Besucherin.
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Es geht auch nach draußen: Hartmut Brepohl (l.) erklärt.
Es ist eine Zeitreise, die die Teilnehmer des „Sommerabenteuers“ unserer Zeitung unternehmen. Mit dem Fahrstuhl geht es hinunter in eine Zeit, die 150 Millionen Jahre zurückliegt; in eine Zeit, als die Dinosaurier diese Erde beherrschten. Und niemand könnte kompetenter durch die Höhle führen als Brepohl. Seit über drei Jahrzehnten sammelt er Mineralien, als Sprengmeister im Steinbruch hat er den ersten Spalt, den Anfang der Höhle 1990 entdeckt – zwei Jahre, ehe er sie dann offiziell entdeckte und drei Tage später zum ersten Mal durchstieg. Weltweit gilt: Wer eine Höhle entdeckt, darf sie benennen. Brepohl entschied sich für eine schöne Geste: Sie wurde nach Bodo Schillat benannt, seinen Höhlenkameraden, wie er es nennt: den Krankenhäger und Sinterchronologe, der bereits 1969 im Bereich des gleichen Steinbruchs eine Tropfsteinhöhle entdeckt hatte – die „Riesenberg-Höhle.“

Die Schillat-Höhle ist rund 180 Meter lang und liegt in einer Tiefe von 45 Metern. Die Hälfte der einst über 400 Meter langen Höhle fiel dem Gesteinsabbau zum Opfer.

Brepohl erzählt, wie Höhlen entstehen, verteilt kleine Wissenssteine, wenn die Besucher eine Frage beantworten können, benennt die Unterschiede von Stalagmiten (wächst vom Boden empor), Stalaktiten (hängt von der Decke herab) und Stalagnaten (wenn beide Typen zusammengewachsen sind), von Erosion und Korrosion, aber es sind keine wissenschaftlichen Vorträge, sondern nette Plaudereien, die die Zuhörer mit einbeziehen und die das Wissen recht spielerisch vermitteln. Nicht ganz ohne Grund ist die Schillat-Höhle ein anerkanntes pädagogisches Museum.

Ein kleiner Teil der Höhle ist künstlich, wie Brepohl sagt, hier musste gestützt werden, anschließend wurde geputzt. „Eine künstliche Höhle! Für mich als Höhlenforscher ist das der reine Horror“, sagt Brepohl und verweist auf die Höhlenmalereien. Sie wurden von Kunststudenten aufgebracht. Sie sind Kopien von Malereien aus Frankreich und Italien, wie aus der Höhle von Altamira. Dort hinzureisen und die Originale zu sehen, sei zwecklos, sagt Brepohl: Dort könnte der Besucher nur Kopien betrachten, genau wie in Langenfeld: „Die haben wir auch.“

Nach Stalagmiten, die aussehen wie Blumenkohlköpfe auf dem Wochenmarkt, schön geschnittene und beharzte Fundstücke, in denen Fachleute lesen wie in einem offenen Buch (Stücke aus Winterberg im Harz sind viel klarer, weil das Wasser sauberer war), und grünen Höhlenperlen geht es zu einer Vitrine mit Schaumburger Diamanten, die Brepohl allesamt – wie vieles andere auch – selbst gesammelt hat. Nach Ammoniten, Korallen, Muscheln und eine kleine Dinosaurier-Welt, die das Leben vor 150 Millionen Jahren in dieser Gegend zeigen (Kinder stellen einen Großteil der Besucher) geht es zu den Nasenlöchern des Hausgeistes und später sogar zu seinen Beinen und der Hand. Den Wert einer gut abgehangenen und sauber vorgetragenen Geschichte kennt Brepohl natürlich, daher erzählt er nun vom berühmt-berüchtigten Baxmann, der vor vielen hundert Jahren in Hessisch-Oldendorf die Gäste ausraubte und dafür bitter bestraft wurde: Hier, an diesem Berg, ist er in eine Spalte gerutscht und klemmt seitdem fest: „Dahinter sieht man seine Beine.“

Später, fast am Schluss, schaltet Brepohl für 30 Sekunden das Licht aus. Still ist es, nicht ein Geräusch ist zu hören. Stille, sagt der Höhlenforscher, der sich selbst als Höhlenbewahrer sieht, Stille kennen wir gar nicht mehr, Stille können manche Menschen auch nicht mehr ertragen. Als er zum ersten Mal hier durchgekrochen ist, hat er sich anderthalb Stunden hingesetzt und einfach nur diese Stille genossen. Es waren 90 Minuten, die er in seinem Leben nicht missen möchte, sagt Brepohl. Wer weiß, vielleicht hat er ja dort gesessen, wo demnächst jemand Platz nimmt, für den er dann zum 74. Mal „Happy Birthday“ anstimmt.

Bis hierhin und nicht weiter: Am Ende stehen die Teilnehmer in der Schillat-Höhle genau unter dem Parkplatz.

Fotos: rnk

Artikel vom 24.07.2010 - 00.00 Uhr

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