Landkreis

Landrat in Blitzer-Falle – ein Monat Fahrverbot
Von Hans Weimann
Landkreis. Landrat Heinz Gerhard Schöttelndreier weiß, wo in seinem Landkreis die stationären Blitzer aufgebaut sind und er könnte, wenn er wollte, auch wissen, welcher Starenkasten gerade aktuell scharf geschaltet ist. Weiß er aber nicht. Will er auch nicht wissen. Den Beweis, dass er es tatsächlich nicht weiß, hat der Landrat unfreiwillig Anfang des Jahres angetreten – er war vier Wochen ohne Führerschein.
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Es ist im September vorigen Jahres auf der vierspurigen Bundesstraße 65, auf dem Weg von Stadthagen nach Nienstädt passiert. Schöttelndreier war nicht mit dem Dienstwagen, sondern in seinem privaten Audi 6 unterwegs, als er mit knapp 90 Stundenkilometern am Bruchhof geblitzt worden ist – hier sollte man eigentlich 50 fahren.

Es war an einem Freitagnachmittag, nein, nicht der 13.: Der Landrat kam gerade von einem Volkslauf in Stadthagen, wo er einen Scheck überreicht hatte, und wollte zu einer Geburtstagsfeier. Seine Frau war schon da, die Gesellschaft wartete auf ihn, die Straße war frei auf allen vier Spuren und Schöttelndreier in Gedanken bei den gerade aktuellen Problemen der Landkreispolitik. Jeder Leser kennt die Themen aus den Schlagzeilen, Krankenhaus, IGS, Finanzen. „Ich hatte den Kopf voll“ , sagt er heute.

Was denkt man als Landrat, wenn man in seinen eigenen Blitzer fährt? Schöttelndreier sagt, man reagiert, wie jeder Autofahrer reagieren würde, man ärgert sich maßlos über den eigenen Fehler. Später habe er gedacht, „dann kann ich ja Post an mich selber schicken, ein Porträtfoto“.

Schöttelndreier wäre nicht Schöttelndreier, wenn er nicht von vornherein offensiv damit umgegangen wäre: „Es ist unentschuldbar, hier zu schnell zu fahren, daraus habe ich kein Geheimnis gemacht.“

Eine Geschichte, die noch eine Pointe mehr hat. Der Starenkasten an den paar Häusern am Bruchhof zwischen Stadthagen und Nienstädt war lange in der Kreisverwaltung umstritten, bevor er aufgestellt worden ist. Denn eigentlich ist das keine geschlossene Ortslage mehr. Doch letztlich, sagt Schöttelndreier, habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Anwohner dort ohne eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 50 Stundenkilometer keine Chance haben, unfallfrei von ihren Grundstücken auf die Bundesstraße einzubiegen – hier wird sonst einfach zu schnell gefahren.

Vier Wochen hat der Landrat den Führerschein bei seiner eigenen Bußgeldstelle zur sicheren Verwahrung deponieren lassen, das war nach Weihnachten, im Januar. Inzwischen hat er die Fahrerlaubnis also längst wieder und bei der Überreichung des Führerscheins seiner eigenen Bußgeldstelle persönlich dafür gedankt, dass er so korrekt bedient worden ist. Der offizielle Kurs: Hundert Euro, drei Punkte und ein Monat Fahrverbot.

Schöttelndreier denkt übrigens selbstverständlich nicht daran, jetzt diesen Blitzer abbauen zu lassen – obwohl sich das viele Autofahrer sicherlich wünschten, denn wer rechnet an einer vierspurigen Straße, auf der über einen Kilometer rechts wie links nichts kommt als ein paar einsame Häuser, Felder und Brachland, noch mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf 50 Stundenkilometer?

Der Autor dieser Zeilen übrigens auch nicht – es ist beim Überholen eines Lastwagens passiert, der fuhr 50, der Autor 70. Das war vor etwa zwei Jahren.

Der Blitzer am Bruchhof ist im Oktober 2008 aufgebaut worden und war bisher an 133 Tagen auch scharf geschaltet, das heißt mit einer Kamera bestückt. In dieser Zeit sind 1900 Fahrzeuge erfasst worden.
Artikel vom 09.03.2010 - 23.00 Uhr

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