Auetal
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Lieber die breite Basis als die Spitze der Pyramide

Künstler Thomas Perl über die Selbstständigkeit, billige Kunst aus Fernost, Privatkunden und Geschäftsaufträge
„Das Ausstellungsgeschäft war nie mein Kerngeschäft“: Es hat ein paar Jahre gedauert, aber jetzt hat Thomas Perl sei
„Das Ausstellungsgeschäft war nie mein Kerngeschäft“: Es hat ein paar Jahre gedauert, aber jetzt hat Thomas Perl sein Bauernhaus zu einem riesigen Atelier umgebaut.

Hattendorf. Ein altes Bild zeigt ihn in der Wiege, mit einem Malerpinsel in der Hand. Auch wenn es dann noch ein paar Jahre gedauert hat, bis Thomas Perl sich der Leinwand genähert hat: Sein Talent hat sich früh gezeigt - und wurde von seinem Vater, der als Designer sein Geld verdiente, gefördert: „Mach was aus deiner Begabung.“, hieß es dann. Zwei, drei Semester hat Perl auch Grafikdesign studiert, ehe er sich neu orientierte, Kunst studierte und sich tiefe Einblicke in Bildhauerei, Druckgrafik, Siebdruck, Sachzeichnen und Fotografie gestattete. Es war keine schlechte Wahl, auch mit Blick auf den Vater: „So kamen wir uns nicht in die Quere, und heute inspiriert jeder den anderen“ meint der Hattendorfer.

Perl schuf schon während des Studiums die Grundlagen, um als selbstständiger Künstler nicht nur existieren, sondern auch leben zu können: Er knüpfte Kontakte und baute ein Netzwerk auf, das noch heute trägt – auch, weil gute Kunsthandlungen längerfristig denken und ihre Künstler über Jahre aufbauen.

In den neunziger Jahren, so erzählt Perl, habe er sich dann neu aufgestellt: „Die ganze Palette.“ Soll heißen: Raus aus den Galerien, hin zu den großen Projekten. Nicht nur für Perl waren es goldene Jahre; Jahre, in denen im öffentlichen Bau ein Prozentsatz von 2,5 vorgeschrieben war, der für die Kultur genutzt werden musste. Perl stattete ganze Hotels mit seiner Kunst aus, Tagungsstätten, auch VW griff gerne zu.

Im neuen Jahrtausend fegte der Wind des Wechsels durch die Kulturszene. Nicht erst die Wirtschaftskrise ließ das Geschäft deutlich härter werden, auch das Internet hinterließ seine Spuren: Künstler, die Kunst in Anführungsstrichen verkauften - und den Etablierten schwer zu schaffen machen. „Nicht jeder, der Kunst verkauft, hat auch Ahnung“, sagt Perl, – von einem Studium ganz zu schweigen. Containerweise kommt seither die Kunst aus China auf den Markt: In hervorragender Qualität, gibt Perl zu: „Kunst wird für 50 Euro am Computer produziert und hergestellt – und dann für 500 Euro über das Internet verkauft.“ Da kann ein ausgebildeter deutscher Künstler nicht mithalten, schon gar nicht, wenn er noch sein BAföG abstottern muss: „Da kann ich keine Kunst für 15 Euro anbieten.“

Auch wenn Perl für seine Arbeiten durchaus angemessen – also: marktüblich – bezahlt werden möchte, wirklich teuer ist er nicht: Kleinformatige Objekte gibt es für unter 500 Euro, für ein Bild im Format 50 mal 60 sind dreistellige Summen zu zahlen. Und man verrät ja auch kein wirkliches Geheimnis, wenn man erzählt, dass auf dem Kunstmarkt Ratenzahlungen nicht unüblich sind. Seine Arbeiten, so hat es Perl einmal formuliert, „kreisen um die Begriffe: Bewegung, Stillstand, Statik, also Momentaufnahmen von Formen, die im Begriff sind, sich zu bilden, zu verändern, zu bewegen und aufzulösen.“

Natürlich ist Perl nicht von den Kunden im Auetal abhängig, von der Handvoll Kunstinteressierten, die seine Bilder schätzen. Nach Köln oder Osnabrück unterhält er jahrzehntelang gepflegte Kontakte, in der Schweiz ist er in einer Dauerausstellung vertreten: „Das ist das ganze Jahr mehr wert als alles andere.“ Denn wer nur vom Verlauf der Ausstellungen leben will, der benötigte rund 20 Ausstellungen – pro Jahr. Eine Rechnung, für die sich Thomas Perl nicht wirklich interessiert, zumal er in den letzten 25 Jahren auf ebenso viele Ausstellungen kommt – wenn überhaupt: „Das Ausstellungsgeschäft war nie mein Kerngeschäft.“ Sondern? „Das Auftragsgeschäft.“ Weil seine Bilder sich gut verkaufen, kommen die Galeristen des Öfteren auf ihn zu: Hier werde ein Großprojekt gebaut, dafür würden Bilder benötigt. Perl setzt sich dann mit den Innenarchitekten in Verbindung, studiert Pläne, sucht Plätze für seine Bilder und informiert sich über die Wandfarbe: Schließlich sollen die Bilder die Räume nicht erschlagen, sondern unterstützen, ihre Individualität herausstreichen und betonen. Aber seit 2003, gibt Perl zu, sind auch die Auftragsarbeiten spürbar weniger geworden. Doch das sei eigentlich normal: „Im Kunstwesen ist es ein Zyklus, mal geht es auf, mal ab.“

Ein starkes Standbein sind Privatkunden, rund 150, die auf Einladung mal im Frühjahr und mal im Herbst durch seine Räumlichkeiten geführt und über die neuen Werke informiert werden. Denn der Umbau des Altbaus in Hattendorf ist abgeschlossen, jetzt kann Perl ein Atelier vorweisen, das weit und breit seinesgleichen sucht: Große Licht durchflutete Räume, enorme Höhen mit entsprechenden Wänden, die geradezu nach großformatigen Werken schreien: Der Umbau hat sich durchaus gelohnt. Auch die Öffentlichkeit will er jetzt verstärkt suchen, in den nächsten Wochen wird er in Obernkirchen ausstellen: kleinformatige Bilder und Objekte.

Denn der Kunstbetrieb ist für Perl eine Pyramide: Unten ist die Basis, oben der einzelne Käufer, der auch mal einen fünfstelligen Betrag für ein Bild ausgibt. Perl ist die breite Basis lieber – und für sie muss Kunst eben vor allem eins sein: finanzierbar.

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