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Im Wind singt der Draht sein ganz eigenes Lied…

Sendemast auf dem Dach der Hattendorfer Feuerwehr bringt den Künstler Thomas Perl auf eine neue Idee
Von ganz klein bis doch recht groß: Die Skulpturen mit dem singenden Draht in der Mitte gibt es in mehreren Größen. Andert halb
Von ganz klein bis doch recht groß: Die Skulpturen mit dem singenden Draht in der Mitte gibt es in mehreren Größen. Andert halb Jahre hat Thomas Perl gezeichnet, gerechnet und getüftelt, ehe sie in Produktion gehen konnten.
Von ganz klein bis doch recht groß: Diese Werke gibt es in einer Größe von 80 bis 100 Zentimetern. Fotos: rnk
Von ganz klein bis doch recht groß: Diese Werke gibt es in einer Größe von 80 bis 100 Zentimetern. Fotos: rnk

Hattendorf. Es war der Sendemast auf dem Dach der benachbarten Feuerwehr, der Thomas Perl auf die Idee brachte: Als er draußen vor der Tür stand, da hörte er von dort ein Flirren und Singen. Warum nicht die Kunst um diesen Sinneseindruck bereichern, dachte sich Perl.

Doch bevor es bei dem Diplom-Designer nicht nur etwas zu schauen und zu berühren, sondern auch etwas auf die Ohren gab, gingen erst einmal 18 Monate ins Land. Anderthalb Jahre, in denen Perl vom Künstler zum Techniker wurde, viele Hundert Zeichnungen wurden angefertigt, noch mehr Berechnungen durchgeführt und auf Pappschablonen von der grauen Theorie in die reale Praxis überführt, ehe Perl zufrieden war mit seinen Skulpturen, die auch als Klangharfe funktionieren: Streicht der Wind durch sie hinweg, singt der Draht sein ganz eigenes Lied.

Klangwächter, Rocketmann, Soundmann, so nennt Perl seine gut 80 bis 100 Zentimeter großen Stahlblechskulpturen, fünf Millimeter dick, gelasert, mit Sockelplatte und Lackierung, 880 Euro kostet das Stück. Das ist wenig, wenn man weiß, was Stahl heute kostet und was Galeristen heutzutage dafür verlangen und auch erhalten, die Kunst der anderen zu verkaufen.

Wer sich ein bisschen Zeit und Muße nimmt und mit dem Hattendorfer über Kunst plaudert, der landet schnell beim Gespräch über den Kunsthandel, den der 1962 geborene Kölner aus dem sprichwörtlichen Effeff kennt: Ausbildung an der dortigen Fachoberschule für Gestaltung, Kunststudium an der Fachhochschule Münster mit Abschlussdiplom, Stipendiat der Aldegrever Gesellschaft, Lehrauftrag Bildhauerei an der Fachhochschule Münster und 1990 noch ein Stipendium in Seguret, Südfrankreich: Perl weiß, wovon er spricht, wenn er sich Gedanken über den Markt, seine Grenzen und seine Fähigkeiten, seinen Glanz und sein Elend macht. Über Kunst, die containerweise aus China auf den Markt kommt, die dort für 50 Euro am Computer produziert und hergestellt und dann für 500 Euro über das Internet verkauft wird, über gelangweilte Schicki-Micki-Frauen, die mit Bildern auf den Markt drängen, die die heimischen vier Wände nie hätten verlassen dürfen, über den Schrott, der alles kaputt macht, weil die Leute nicht mehr unterscheiden können zwischen dem, „was einfach schlapp ist und dem, was Kunst ist“.

Das Kunstwesen ist ein Zyklus, mal geht es auf, mal ab, mal malt man, mal entdeckt man den Techniker in sich und rechnet: „Zunächst wollten alle nur Gemälde, Gemälde und Gemälde, dann wurden Skulpturen wieder stärker nachgefragt“, erklärt Perl. Also hat er auf den Hattendorfer Feuerwehrdraht gehört und anderthalb Jahre getüftelt. Und ist damit dort angekommen, wo er einst gestartet ist, denn zu seinem nicht geringen Erstaunen hat er mittendrin festgestellt, dass er sich mit Skulpturen, die in der Mitte durch einen Draht verbunden sind, schon einmal beschäftigt hat: Im Rahmen seiner Examensarbeit. Ein Kreis schließt sich.

Und während in seinem luftdurchfluteten Traumatelier Rocketmann und Klangwächter darauf warten, über seine Stammgalerie in der Schweiz buchstäblich in die ganze Welt verkauft und verschickt zu werden, hat Perl sich längst der nächsten Skulpturenserie zugewandt. Die Idee ist pfiffig. So pfiffig, dass Perl schon heute weiß, dass sie morgen in Asien kopiert und markttechnisch ausgeschlachtet werden wird. Sie nennt sich konfigurative Kunst und überträgt eins zu eins, was heute auf dem Automarkt längst üblich ist: das eigene Zusammenstellen einer Skulptur. „Heute ist es so“, sagt Perl: „Du musst als Käufer schlucken, was der Künstler Dir vorsetzt – oder es lassen.“ Bei ihm wird das anders, ganz anders: Unter etwa zehn Teilen kann der Kunstfreund auswählen, die zu einer Skulptur zusammengeführt werden, zudem kann aus 20 Farbvarianten ausgewählt werden – das alles ergibt eine unendliche Anzahl an Kombinationen, jedes Werk wird ein Unikat. Keine Frage: Das wird den Besitzer immer wieder überraschen, immer wieder neue Elemente und Farben zu sehen, die die Fantasie beflügeln. Das ist ja auch das Markenzeichen des heutigen Hattendorfers: In seinen Bildern entsteht durch die Kombination einer enorm breiten Palette an intensiven Farben und Formen eine abstrakte Bildwelt, die ständig Bewegung und Dynamik ausstrahlt. Perl bedient sich dabei aller Möglichkeiten des gestalterischen Ausdrucks, setzt sich bei der Auswahl der Materialien keine Grenzen und lässt immer wieder gern den Bildhauer in sich aufleuchten.

Als der letzte Kaffee getrunken, der letzte Keks weggeputzt ist, als wir das Atelier verlassen wollen, bleiben wir an einem dicken Stapel Bilder stehen: Sie gehen an die Alster. Als Knut Terjung, der langjährige Hamburger ZDF-Studioleiter, vor zwei Wochen seinen ersten Hattendorfer-Atelier-Besuch absolviert hat, klingelte nach seiner Abreise abends noch das Telefon bei Perl. Es war Terjung: Er habe ein oder zwei Telefonate geführt und auch eine interessierte Galerie gefunden, Perl könne dort für drei Monate in Hamburg seine Bilder ausstellen. Eine schlechte Nachricht hatte Terjung allerdings auch: Ob Ole van Beust zur Vernissage am 15. Dezember kommen wird, ist noch nicht ganz geklärt – der Terminkalender des ehemaligen Bürgermeisters der Freien und Hansestadt Hamburg ist gut gefüllt. Man wird also sehen.

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