Auetal
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Heiße Milch mit Honig beim Zuchtmeister der SPD

Zeitzeuge aus der ersten Reihe: Journalist Knut Terjung über Herbert Wehner, Gerhard Löwenthal und die sexy Quote
Atelierbesuch in Hattendorf: Der Hamburger Knut Terjung im Atelier von Thomas Perl.  Foto: rnk
Atelierbesuch in Hattendorf: Der Hamburger Knut Terjung im Atelier von Thomas Perl. Foto: rnk

Hattendorf. Es ist ein ungewöhnlicher Termin für ein Vorstellungsgespräch, aber es ist auch kein ganz normaler Job, um den es gehen wird. Also drückt Knut Terjung am Sonntag pünktlich um 6.30 Uhr die Haustürklingel, einem Moment später steht er Herbert Wehner gegenüber. Der Zuchtmeister der Bonner SPD-Koalition, der gern als Onkel bezeichnete bärbeißige Chef der ersten Troika, drückt Terjung erst einmal einen von zwei dicken Bänden in die Hand, die als „streng vertraulich“ deklariert sind. „Das hat mir der Willy gegeben“, sagt Wehner, „das soll ich lesen.“ Fünf Stunden, viele Schnittchen, ein Paar Tassen Milch mit heißem Honig und zwei Akten später hat Terjung den Job: Er ist Pressesprecher der SPD-Bundestagsfraktion.

Terjung kann diese wahrhaft köstliche Sonntagmorgenanekdote perfekt erzählen. Jede Pause sitzt und steigert die Spannung, dazwischen wird der knarrende Tonfall des Onkels imitiert, die Art, wie Wehner die Pfeife hielt – Terjung ist sich sehr wohl darüber im Klaren, was er ist: Ein Zeitzeuge ersten Ranges, ein Beobachter in der ersten Reihe, als in Deutschland politische Geschichte geschrieben wurde, als Willy Brandt Bundeskanzler war und Helmut Schmidt ihn beerbte.

Begonnen hatte Terjung seine Karriere im ZDF bei einem ganz anderen Beißer: Gerhard Löwenthal wollte damals einen redaktionellen Gegenpol zu den eher linken ARD-Sendungen Report oder Panorama setzen, also hob er das ZDF-Magazin aus der Taufe – mit allem Geld ausgestattet, das er sich wünschen konnte, erzählt Terjung heute. Dem Gerhard Löwenthal, der sich als scharfer Antikommunist ins Gedächtnis einer Fernsehgeneration einbrannte, der die Studentenbewegung als „rote Psychoterroristen“, die sozialdemokratischen Vertreter der neuen Ostpolitik als „kommunistische Agenten“, die Friedensbewegung als „Moskauer Partisanen“ und Schriftsteller wie Heinrich Böll als „Sympathisanten des Linksfaschismus“ bezeichnete, von seinen Attacken gegen die DDR ganz zu schweigen, diesem späten Löwenthal stellt Terjung das Bild des renommierten Journalisten Löwenthal gegenüber, der zuvor als Redaktionsleiter in Brüssel zum ZDF gekommen war und in der Branche damals einen guten Ruf genoss. Dass der späte Löwenthal durchaus paranoide Züge vor der Kamera auslebte, gibt Terjung heute gerne zu.

Doch als Löwenthal als Inbegriff eines konservativ dominierten öffentlich-rechtlichen Rundfunks angeprangert wurde, war Terjung schon nicht mehr dabei: 1971 forderte eine Gruppe von Redakteuren Löwenthal auf, sich von rechtsextremen Äußerungen einiger Mitarbeiter zu distanzieren. Löwenthal lehnte ab, daraufhin baten neun von 13 Redakteuren der Sendung um ihre Versetzung; unter anderem Terjung. Ihn rief dann Wehner.

Der Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion kehrte später zum ZDF zurück, erlebte lange die guten Zeiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit, drehte Filme über den Freiheitskampf von unterdrückten Kurden, über Folter in der Türkei, über Aufwiegelung gegen aidskranke Kinder in Polen oder über einen Toten in Hamburg, der fünf Jahre lang unbemerkt in seiner Wohnung gelegen hatte. Journalisten, so hatte es Terjung in seiner Abschiedsrede nach acht Jahren als Leiter des ZDF-Landesstudio Hamburg formuliert, sollten dazu beitragen, „inmitten der Verwirrtheiten einer immer komplexer werdenden Welt ein Stück solide Orientierung zu bieten“. Terjung war mächtig verärgert damals: Vier Jahre hatte er an einer Reportage gearbeitet, die ihm besonders am Herzen lag: Um von Heroin Schwerstabhängige ging es, um einen Modellversuch. Das ZDF, man ahnt es schon, versteckte die Reportage auf einem Sendeplatz nach Mitternacht, Terjung warf dafür in seiner Abschiedsrede die Frage auf, welches Thema sexy ist und welches nicht in den Zeiten der Quotenträchtigkeit: „,Sexy‘ als neue öffentlich rechtliche Markierung für Priorität.“ Da Terjung die Rede dem Hamburger Abendblatt durchsteckte, gingen die medialen Wellen bei seinem Abschied 2005 noch einmal richtig hoch.

Ein Buch hat er auch geschrieben, über den Mann, bei dem es heiße Milch mit Honig gab und der als überzeugter Kommunist viele Jahre im Exil in Moskau zubrachte und dann zum erfolgreichen SPD-Politiker der Nachkriegszeit aufstieg. „Der Onkel“ heißt es, aber vor der Frage, ob es wirklich Wehner war, der für die deutsche Politik die entscheidenden Weichen stellte, die die Republik dahin führten, wo sie sich heute befindet, da weicht Terjung ein bisschen aus. Und darf das auch: Wie bei keinem anderen Politiker spiegelten sich die persönlichen Brüche als Brüche eines vergangenen Jahrhunderts wie beim „Onkel“ – mit ein, zwei Sätzen ist die Jahrhundertgestalt nicht einzustufen, wer wüsste es besser als Terjung.

Dass er das Wochenende im Auetal verbringt, ist der Kunst geschuldet: In Braunschweig hat er in einer Galerie vor Jahr und Tag die Laudatio gehalten, dort stellte der Hattendorfer Thomas Perl damals aus, vor einem Jahr wünschte sich Terjung einen Perl zu seinem 70. Geburtstag. Eines Tages griff der Hamburger dann zum Telefon, um mit dem Auetaler Künstler ein paar persönliche Worte auszutauschen. Man verstand sich, jetzt stand ein Atelierbesuch an.

Er selbst, so Terjung, habe auch eine Beziehung zur Region, jedenfalls indirekt: Von hier stammt Graf Albert Wolfgang von Schaumburg-Lippe, einer der ersten Freimaurer. Terjung gehört der ältesten Freimaurerloge Deutschlands an, er spricht gern darüber.

Er koordiniert nämlich ehrenamtlich die Planungen für das 275. Jubiläum der deutschen Freimaurerei, das 2012 mit einem großen Festakt in Hamburg gefeiert werden soll. Freimaurer sind für Terjung keine Mitglieder eines Geheimbundes, sondern Menschen, die miteinander Grundwerte teilen, die seit der Aufklärung unverändert gelten: Humanität, Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit und Toleranz.

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