Auetal
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Begegnungen mit der Anderwelt

Cornelia Künzel ist fasziniert von den Methoden der Schamanen

Obernkirchen. Cornelia Künzel hat Sozialwissenschaft und Germanistik studiert. „Ich bin eigentlich immer eher rational und wissenschaftlich an die Dinge herangegangen“, sagt sie. Um so erstaunlicher, dass die inzwischen 63-jährige Obernkirchnerin eine ganz andere Weltsicht entdecken und in sich aufnehmen konnte, diejenige von Schamanen nämlich. „Spirits“, also Naturgeister, sind ihr so wenig fremd wie Seelenreisen oder das Aufspüren von Orten, an denen besondere Energieströme fließen. „Für viele klingt das befremdlich“, meint sie. „Dabei handelt es sich um ein uraltes Wissen, das bei uns aber verschüttet wurde.“

Schamanen – der Ausdruck stammt aus Sibirien – das sind spirituell begabte Menschen, die sich als Vermittler zur „Geisterwelt“ verstehen. Geister existieren in Bäumen und in Steinen, an Quellen und überhaupt in einer „Anderwelt“, zu der man durch bestimmte Rituale Zutritt erlangen kann, um dann ein Gleichgewicht, das gestört wurde, wieder ins Reine zu bringen. Das können Krankheiten und Sorgen einzelner Menschen ebenso sein wie globales Unglück und Chaos.

Cornelia Künzel ist eine durchaus handfeste Persönlichkeit. Im Moment arbeitet sie als Volkshochschul-Dozentin in Stadthagen, wo sie das Fach „Deutsch für Ausländer“ unterrichtet. Davor war sie in der Geschäftsführung der „Alten Polizei“ zuständig für die Senioren-Programme, und noch davor leitete sie den Stadthäger Frauen-Notruf und engagierte sich im dortigen Eine-Welt-Laden. Parallel dazu bot sie „schamanische Beratungen“ an und bildete zahlreiche weitere Lehrer aus. „Die Weltgesundheitsorganisation hat schamanische Methoden anerkannt als hilfreich bei psycho-somatischen Erkrankungen“, sagt Cornelia Künzel. „Und viele bedeutsame Wissenschaftler sehen darin eine Art der Tiefenpsychologie.“

Insgesamt vier Mal reiste sie nach Sibirien, speziell zum Altai-Gebirge, wo auch jetzt noch Schamanen leben und arbeiten. In der ehemaligen Sowjetunion wurden Schamanen und ihre Methoden gewaltsam verfolgt, man setzte alles daran, diese Tradition zu zerschlagen. Die heutigen Schamanen, denen Cornelia Künzel begegnete, bemühen sich, die alten Geschichten, Mythen und das Wissen rund um Wahrsagen, Traumdeutung, innere Reinigungen und Befragung der „Spirits“ zu bewahren und wieder aufleben zu lassen.

Dass sie sich vom Schamanismus berühren lassen konnte, hat sie oft selbst verwundert. In ihrem sehr lesenswerten Büchlein „Menschen im sibirischen Altai“ kann man diese Faszination gut nachvollziehen, so selbstverständlich gehen ihre Gesprächspartner davon aus, dass sie eine große Aufgabe zu erfüllen haben: den Kontakt zur Geisterwelt nicht abbrechen zu lassen, zum Wohle der menschlichen Gemeinschaft, die, ausgeschlossen aus der kosmischen Harmonie, nicht überleben kann. „Ich habe mich gefragt, ob es unter meinen Vorfahren vielleicht ebenfalls ‚Heiler‘ gab“, sagt sie. „Wie sonst sollte es möglich sein, dass ich Zugang gefunden habe zu schamanischen Methoden und weiß, dass es auch bei uns Orte gibt, wo starke Energien fließen und man mit Spirits Kontakt aufnehmen kann.“

Einmal in der Woche trifft sie sich mit einer Freundin zu einer „schamanischen Reise“, ihr individueller Beitrag zur Wiederherstellung einer Welten-Balance.

Wem das zu „spiritistisch“ vorkommt, dem sei tatsächlich ihr schön zu lesendes Buch empfohlen. Das kann man ohne Weiteres als eine Reisebeschreibung ins wilde Altai lesen. Wenn sie von Land und Leuten erzählt, fließt unaufdringlich und gerade deshalb eindrucksvoll ein, was sie über den Schamanismus vor Ort erfährt, wie sie den „Geist“ der Wildnis erspürt und was in ihr vorgeht, wenn sie mit der Schamanin Maria an Ritualen teilnimmt, sich von der Direktorin des altaischen Nationalmuseums herumführen lässt oder dem Naturpark-Leiter oder den unglaublichen Gesängen des schamanischen Musikers Arshan Kezerekov lauscht.

Bezugsquelle: Cornelia Künzel, „Menschen im sibirischen Altai. Auf den Spuren von Schamanen und Gelehrten“, erschienen im Triga-Verlag, 14,80, bestellbar in jedem Buchladen.

Auf der Suche nach einer Welten-Balance: Cornelia Künzel.cok

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