Kultur SZ

Skurril-charismatische Liebeserklärung an das Leben
Von Marie Denecke
Dass er große Dramen kann, wissen wir spätestens seit dem preisgekrönten „Gegen die Wand“. Dass er Road Movies kann, wissen wir seit „Im Juli“. Dass er Milieustudien kann, wissen wir seit „Kurz und schmerzlos“. Jetzt kommt der Hamburger Regisseur Fatih Akin mit einem neuen Film daher, bei dem der Name schon eine ganze Menge des Programms verrät: „Soul Kitchen“ ist eine 99-minütige Ode an Familie, Freunde, Musik, Essen – und eine Erinnerung daran, das Leben zu feiern, wie es gerade kommt.
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Versuchen mit allen Mitteln, das „Soul Kitchen“ zu retten: Die ungleichen Brüder Illias (Moritz Bleibtreu, l.) und Zinos (Adam Bousdoukos) .
Anfang und Ende des Films zeigen ein Essen, Essen in einem ehemaligen Bahnhofsgebäude im Hamburger Problemviertel Wilhelmsburg. Zwischen diesen beiden Essen steht ein kurzer, doch umso intensiverer Ritt durch das Leben einer Handvoll Hamburger Freigeister.

Im Mittelpunkt steht der Deutsch-Grieche Zinos (Adam Bousdoukos), Eigentümer des heruntergekommenen Restaurants „Soul Kitchen“, der sich mit Pommes, fetttriefenden Schnitzeln und kaltem Bier eine Stammkundschaft erhält. Sein Leben beginnt sich schlagartig zu ändern, als dessen Freundin Nadine (Pheline Roggan) eine Stelle in Shanghai annimmt, wohin Zinos ihr folgen möchte, es wegen knapper Kasse aber nicht kann. Dann erleidet er einen Bandscheibenvorfall – an der Fritteuse stehen ist damit erst mal gestrichen.

Auftritt Shayn (Birol Ünel), frisch gefeuerter Koch, der mit einer Attitüde zwischen Samurai und Paul Bocuse die Küche des „Soul Kitchen“ von Grund auf verändert – womit ein neues, junges Publikum und entsprechende Musik nicht lange auf sich warten lassen. Dann taucht Zinos’ krimineller und spielsüchtiger Bruder Illias (Moritz Bleibtreu) auf, dem Ausgang gewährt wurde und der jetzt einen Job sucht. Zinos macht ihn zum Geschäftsführer des „Soul Kitchen“ – schließlich will Zinos so schnell wie möglich nach Shanghai.

Doch das Pech lässt nicht lange auf sich warten: Die Steuerfahndung, ein schleimiger Immobilienmakler (Wotan Wilke Möhring) und Illias’ wiederkehrende Spielsucht zwingt die beiden ungleichen Brüder dazu, um das „Soul Kitchen“, das Stückchen Heimat irgendwo im grauen Wilhelmsburg, zu kämpfen.

Man merkt dem Film an, dass er mit viel Liebe gemacht ist: Originelle, formvollendet geschriebene Charaktere, dargestellt von Hauptdarstellern (Adam Bousdoukos ist sofortiger Sympathieträger, Moritz Bleibtreu hat „Knockin’ on heaven’s door“-Qualität und Birol Ünel ist heimlicher Star des Films) und skurrilen wie charismatischen Nebenfiguren lassen den Zuschauer mitlachen, mitweinen, mitfiebern, mitstaunen und mitleiden.

Ist man bei der Schlussszene, einem schicken, kerzenbeschienenen Essen im „Soul Kitchen“, angelangt, hat der Zuschauer das Gefühl, nach einer großen Abenteuerreise wieder nach Hause gekommen zu sein.

Ein Film wie Hamburg, ein Film, den eindeutig Akin gemacht hat: rau, szenig, lässig, witzig, sinnlich, hart und herzlich. Und man will ihn gleich wieder sehen. Oder nach Hamburg fahren. Um richtig gut zu essen. Und das Leben zu feiern.
Artikel vom 19.02.2010 - 23.00 Uhr

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