Kultur SZ

Nackt hinterm Akkordeon versteckt
Von Cornelia Kurth
Bad Oeynhausen. Zu Beginn ist da nur ein törichter Kerl, der lustlos die Bühne fegt und aus Versehen ein qualmendes Feuer im Kamin entzündet. Doch als der Rauch verfliegt, wird der Blick frei auf ein verzaubertes Zimmer, mit schrägen Möbeln, einem alten Klavier und Türen, durch die rätselhafte Gestalten aus einer Gegenwelt hineinhuschen und wieder verschwinden. Der Kerl mit seinem Besen wischt sich die Augen, fast ebenso wie die Zuschauer im Kaiserpalais Bad Oeynhausen, die gleich eine der schönsten Vorstellungen des GOP-Varietés sehen werden.
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Anthony Venisse ist nicht nur der tumbe Clown, der bis zum Ende rätseln wird, ob er wacht oder träumt, sondern zugleich auch der Regisseur einer Varieté-Show, die weit mehr bietet, als nur locker verbundene Nummern von Weltklasse-Artisten. Die überwiegend aus Franzosen und Franko-Kanadiern zusammengewürfelte Truppe präsentiert ein Traumspiel wie aus einem romantischen Märchen. Verwunschene Wesen umtanzen den Träumer, necken ihn, ziehen ihn in ihr Spiel hinein und zeigen dabei ihr fantastisches Können rund um Luftschaukel und Strapaten, Jonglage, Zirkusartistik und Live-Musik.

Allen voran ist da die bohnenstangengleiche Amélie Venisse, als Schwester des Regisseurs mit einem ähnlich umwerfend komischen Talent begabt, die sich wie eine trippelnde Aufziehpuppe über die Bühne bewegt und tief beleidigt ist, wenn man ihr kurzes Rüschenkleid und den absurden Zopf mitten auf dem Kopf nicht angemessen würdigt.

Die Art, wie sie ihre Begriffsstutzigkeit durch Grimassen ausdrückt, wie sie ihr Akkordeon zu spielen versucht, auch wenn das Mikrophon vollkommen falsch platziert ist, wie sie das Musikinstrument schließlich als Ersatzkleid benutzt, unter dem sie vollkommen nackt ist – es lässt sich so schwer in Worte fassen wie die Geschichte eines Traumes.

Und wie soll man den Auftritt des Handstandakrobaten Fleeky beschreiben, der sich mal wie ein Frosch, mal wie eine Spinne bewegt, wenn er mit wirren langen Haaren überraschend hinter dem Sofa hervorspringt oder aus dem Schrank krabbelt, wie den „blinden“ Jongleur, der seinen weißen Blindenstock neben Bällen und Keulen virtuos durch die Luft wirbelt, wie gar David Bonneville, der fledermausgleich an den Strapaten durch das Zimmer schwingt und im freien Fall herniedersaust?

All’ das – auch die Gruppe „Akoréacro“ mit ihrer Voltige-Akrobatik – erobern sich durchaus Momente der Konzentration und verwunschenen Stille im ansonsten reizvoll undurchschaubaren Spiel, bei dem oft alle Künstler gleichzeitig auf der Bühne sind, im Takt gehalten vom Musikerpaar Andreas Prante und Wolfgang Voss, die bescheiden am Bühnenrand ihre Zirkusmusik konzertieren.

Wen bestimmt kein Zuschauer vergessen wird: die schöne Sarah Lett und ihren übergroßen Hula-Hoop-Reifen, in den sie hineinsteigt, sich im Inneren mit Händen und Füßen abstützt, um dann mit ihm in schlafwandlerischer Sicherheit sicher, als sei der Reifen Teil ihres Körpers, durch das Zimmer zu rollen.

Man kann so viel lachen in diesem ungewöhnlichen Programm. Oftmals aber möchte man nur ruhig dasitzen und die poetischen Nummern nicht mit Beifall stören. Von dem aber gab es mehr als genug – und länger als sonst blieben die Gäste noch an ihren Tischen sitzen, tranken noch einen Schluck und kehrten nur langsam in die Realität zurück.

„La Folie“ heißt das aktuelle Programm, das noch bis zum 7. März gespielt wird. Kartenvorbestellung unter der Hotline: (0 57 31) 7 44 80.

Amélie Venisse bewegt sich wie eine trippelnde Aufziehpuppe über die Bühne und ist tief beleidigt, wenn man ihr kurzes Rüschenkleid und den absurden Zopf mitten auf dem Kopf nicht angemessen würdigt.

Foto: pr.
Artikel vom 29.01.2010 - 23.00 Uhr

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