Kultur SZ

Die Seele – eine einsame Insel im bleiernen Meer
Von Cornelia Kurth
Was für ein Ort könnte besser geeignet sein, um den Wahnsinn zu porträtieren, als eine Insel im weiten Ozean, so einsam und abgeschottet von der Welt wie eine verlorene Seele. Auf den bewaldeten Inselfelsen erheben sich die Gebäude einer Psychiatrie für mörderische Geisteskranke. Hier soll Marshall Teddy Daniels nach einer entlaufenen Kindsmörderin suchen.
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Szene aus „Shutter Island“: Ben Kingsley (l.) als Anstaltsleiter, Leonardo DiCaprio als Marshall. Foto: Verleih
Wonach er wirklich sucht in Martin Scorseses Filmwerk „Shutter Island“, das bleibt sowohl ihm selbst als auch – auf faszinierend-verwirrende Weise – dem Zuschauer lange ein Geheimnis.

Wo einmal der Verdacht herrscht, Menschen könnten verrückt sein, verlieren sich schnell die Maßstäbe für das, was geistige Gesundheit eigentlich sei. Warum hantieren die martialischen Wachen so nervös mit ihren Gewehren, als der Marshall zusammen mit seinem Kompagnon auf das Klinikgelände zugeht? Sind die beiden charismatischen Anstaltsleiter (Ben Kingsley und der 80-jährige Max von Sydow) etwa gegen die Untersuchung eingestellt und was für Gründe könnten sie dafür haben? Wirken die Pfleger nicht seltsam verdruckst und Teddy Daniels selbst, wie kommt es, dass ihn eine Seekrankheit so schrecklich zusetzen konnte, wo das Meer doch still und bleiern daliegt?

Leonardo DiCaprio, seit Jahren Scorseses Lieblingsschauspieler, spielt den geplagten Marshall als einen tief gequälten Mann, verfolgt von Schreckensbildern, die sich in sein Hirn einbrannten, seit er als junger amerikanischer Soldat bei der Befreiung des KZ Dachau dabei war und nicht fassen konnte, zu was für zynischen Verbrechen Menschen fähig sind. Die Psychiatrie auf der Insel, sie wirkt mit ihren Starkstromzäunen, den großen, fest verschlossenen Toren, den dunklen Räumen und Kellergängen selbst fast wie ein KZ. Ist es also kein Wunder, wenn der Marshall verstärkt von Halluzinationen verfolgt wird?

Es sind ungeheuer eindrückliche Visionen, die fast gleichwertig mit der Inselwirklichkeit inszeniert werden: die gefrorenen Leichenberge in Dachau, dazwischen ein totes Mädchen, dass sich eng an seine tote Mutter schmiegt; die Frau des Marshalls, die bei einem Wohnungsbrand ums Leben kam und sich in den Armen ihres Mannes in Glut und Asche auflöst, nachdem sie ihn anflehte, von der Insel zu fliehen. Die ertränkten Kinder der verschwundenen Kindsmörderin, die ihn anblicken und fragen, warum er nicht rechtzeitig kam, um sie zu retten.

Dass sich die Geschichte zu einem verstörenden Drama auswachsen wird, ist von Beginn an klar. Noch bevor man als Zuschauer wirklich begreift, dass nichts so ist wie es scheint, führen die dunkle Musik, die dramatisch-verzerrte Miene des Marshalls, das undurchdringliche Lächeln der Anstaltsärzte zu dem Schluss, dass es einen Regisseur des Geschehens gibt, der mit den Genres von Psycho- und Horrorthriller spielt, der Klischees anbringt, aufbricht und will, dass man selbst zum Detektiv wird, der das düstere Spiel durchschaut. Ist es Martin Scorsese, der brillant sein Handwerk zelebriert - oder gibt es einen „Regisseur“ in der Geschichte, der die Betrachter ebenso verwirrt wie er das Selbstbewusstsein des Helden immer mehr in Zweifel zieht?

Es ist grandios, in was für Wechselbäder der Gefühle und Interpretationen dieses zu Unrecht in vielen Rezensionen als überstilisiert kritisierte Meisterwerk die Betrachter treibt. Es geht ja um die Verzweiflungsfrage, ob der Schöpfer der Welt wohl selbst von psychopathischer Liebe zur Gewalt getrieben ist. Wenn der Wahnsinn die Seele zu einer Insel im bleiernen Meer macht, dann treibt vielleicht die ganze Welt rettungslos in diesem Meer.
Artikel vom 26.02.2010 - 23.00 Uhr

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