Kultur SZ
Das Glück erhaschen – Hauptsache, es funktioniert Von Cornelia Kurth
Jeder Woody-Allen-Film macht einen auch ein bisschen verrückt, und man möchte den überdrehten Protagonisten zurufen: „Haltet doch mal einen Moment die Gusche!“ Und doch ist auch „Whatever works“ eines dieser Woody-Allen-Märchen, in denen durch Chaos, Fatalismus und Selbsttäuschung hindurch Liebe und Happyend den augenzwinkernden Sieg davontragen dürfen.

„Atempause“: Nur für kurze Zeit verstummen die Protagonisten, wenn sie an der Bar die Wasserpfeife rauchen. Foto: Verleih
Wie so oft ist das ein Wunder. Hauptperson Boris Yelnikoff (Larry David), alterndes Physikgenie, bringt es im Laufe des Films auf zwei absurd scheiternde Selbstmordversuche, er ist ein ständig philosophierender, vergrätzter Egomane, der schlecht sitzende karierte Shorts trägt und sein T-Shirt mal in die Hose stopfen sollte. Aus heiterem Himmel schneit die 19-jährige blonde Schönheit Melodie (Evan Rachel Wood) in seine Wohnung, ein überzeichnet naives Mädchen, das auf typisch amerikanische Weise stets mit Händen und Augenverdrehen redet, gerade ihrer bigotten Südstaatenfamilie entkommen ist und sich unbegreiflicherweise in den alten Grummelkopf verliebt.
Das klingt so abwegig und ist doch eigenartig überzeugend: Der Alte, dessen Zynismus von Melodies Plattitüden überrannt und ausgehebelt wird, während sie ihr Weltbild mit Yelnikoffs Vergeblichkeitstheorien in Schwung bringt. Dessen eher sarkastisch gemeintes Diktum, man solle in der verderbten Welt das bisschen Glück, das man erhaschen kann, aufgreifen, ohne nach Sinn und Dauer zu fragen – Hauptsache, es funktioniert (whatever works) – es wird durch Melodies Unbefangenheit zu einem wirklich glückversprechenden Motto.
Hätte nämlich das Mädchen sich nicht auf den Physiker eingelassen, dann wäre ihre hysterische Südstaaten-Mama nicht nach New York gekommen, um dort in der Künstlerszene aufzublühen und gleich mit zwei Männern zu leben. Der verbohrte Vater, der ebenfalls in der Großstadt auftaucht, hätte niemals seine Homosexualität entdeckt und damit auch nicht den netten einsamen Schwulen, mit dem er sich zusammentut. Melodie wäre unbeeinflusst von Yelnikoffs Intellekt nicht dem süßen jungen Schauspieler nahegekommen, um dessentwillen sie Yelnikoff verlässt, der wiederum in einem Verzweiflungsanfall aus dem Fenster springt, um dabei gerade auf einer wunderbaren Frau zu landen, die sein Leben rettet.
Man stellt sie ganz einfach nicht infrage, diese Konstellationen, sogar dann nicht, als Yelnikoff sich wortreich über alles „hätte, könnte, wäre“ aufregt. Dazu ist die New Yorker Szene zu gut und stimmungsvoll getroffen, macht es so viel Spaß zu sehen, wie ein Klischee auf abstruse Weise das nächste ersetzt, amüsiert man sich köstlich über die geistreichen Dialoge und Bonmots.
Manchmal wird man auf reizvolle Weise aus dem Geschehen herausgerissen und direkt daran erinnert, dass das alles eine Inszenierung ist, denn Yelnikoff plaudert nicht nur mit seinen Kumpanen, sondern auch direkt mit uns Zuschauern, so als könne er – ein beliebtes Motiv von Allen – durch die Leinwand hindurch uns genauso wahrnehmen, wie wir die Filmfiguren sehen mit ihren Wünschen, Sehnsüchten, Lebenslügen und scheinbar unerfüllbaren Hoffnungen.
Das Schöne an diesem Regieeinfall: Wenn einem Yelnikoff die Liebe gelingt, warum nicht auch uns? Woody Allens „Whatever works“ kam bei der amerikanischen Filmkritik längst nicht so gut an wie der Vorgängerfilm „Vicky Cristina Barcelona“. Wohl zu unrecht. Der Film ist eine märchenhafte Komödie, die gelingt, obwohl hinter dem Lachen am Ende kein Weinen mehr liegt. „Hauptsache, es funktioniert“. Ja!